© Anife Muzafarova / Andreas Dobslaff photographer

Gründerin Anife im Interview über Projekte für Jugendliche.

Mit ihrem Verein Skill Kraft e. V. setzt sich Anife dafür ein, jungen Menschen praktische Erfahrungen, neue Perspektiven und Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben.

Im Interview mit Nora Woker erzählt sie, wie alles begann, welche Projekte ihr besonders am Herzen liegen und warum Gemeinschaft dabei eine so wichtige Rolle spielt.

Das Interview

Liebe Anife, danke, dass du dir Zeit nimmst für dieses Interview. Stell dich doch bitte einmal kurz vor. Wer bist du? Wie alt bist du? Wo und wie lebst du?

Danke dir, Nora, für die Einladung. Ich heiße Anife, ich bin 30 Jahre alt und lebe mit meiner Familie in Dortmund-Westerfilde.

Du hast mir im Vorfeld bereits mitgeteilt, dass du aktuell dabei bist, dein Deutsch zu verbessern. Ich finde übrigens, dass dein Deutsch jetzt schon sehr gut ist. Magst du uns erzählen, woher du eigentlich kommst und wie du nach Westerfilde gekommen bist?

Vielen Dank. Ich lerne immer noch Deutsch und ich glaube, das wird noch lange so sein. Ich habe zwar die DSH-Prüfung auf C1 bestanden und kann Bücher über Psychologie auf Deutsch lesen. Aber Sprechen ist nochmal etwas anderes. Da muss ich noch viel üben.

Deutsch ist schon die sechste Sprache in meinem Leben. Ich spreche Ukrainisch, Russisch, Krimtatarisch, Türkisch und Englisch. Jetzt spielt Deutsch für mich eine sehr wichtige Rolle, weil ich hier lebe und gerne Teil der Gesellschaft sein möchte.

Ich lerne Deutsch sehr gerne. Mir gefällt die Struktur der Sprache und auch, dass zwei Wörter zusammen ein ganz neues Wort bilden können. Das finde ich sehr spannend.

Ich komme ursprünglich von der Krim. Die letzten Jahre habe ich in Kyjiw gelebt und gearbeitet. Ich habe in einem schnell wachsenden internationalen Start-up als Learning & Development Manager gearbeitet. Davor war ich Media-Analystin und meinen Bachelor habe ich in der Türkei im Bereich Marketing und Werbung gemacht.

Außerdem träume ich davon, in Deutschland einen Master in Kognitionswissenschaft zu machen. Das Gehirn ist ein unglaubliches Organ und es gibt noch so viele Fragen, die mich interessieren. Zum Beispiel, wie Künstliche Intelligenz das Lernen oder auch das Marketing von Unternehmen verändern wird. Das würde ich sehr gerne studieren.

Vor vier Jahren sind wir wegen des Krieges nach Dortmund gekommen. Ich lebe hier mit meinem Mann, unseren zwei Kindern und meinen zwei Brüdern zusammen. Meine Tochter sagt immer: „Wir haben ein ganz volles Haus.“ Und das gefällt ihr sehr.

Einige Westerfilder kennen dich bereits durch deinen Verein Skill Kraft e. V. – was genau machst du mit Skill Kraft und wie bist du dazu gekommen?

Ich bin Vormund von meinen zwei jüngeren Brüdern. Als wir nach Deutschland gekommen sind, war für sie alles neu. Sie waren Teenager und haben sehr viel Zeit online verbracht. Ich habe überlegt, wie ich ihnen helfen kann.

Dann habe ich gemerkt, dass das nicht nur unsere Geschichte ist. Viele Jugendliche verbringen heute sehr viel Zeit online. Dadurch verlieren sie oft Fokus, Motivation und manchmal auch Interesse an der echten Welt.

Ich wollte eine Alternative schaffen. So habe ich einen englischsprachigen Debattierclub gegründet. Jugendliche konnten zusammen diskutieren, Englisch üben, neue Leute kennenlernen und Selbstvertrauen bekommen.

Eigentlich hat so Skill Kraft angefangen.

Unser Ziel ist heute, Projekte zu machen, bei denen Jugendliche direkt Erfahrungen sammeln und Projekte für ihr Portfolio bekommen können – als Alternative zu einem Lebenslauf, der heute oft nicht mehr ausreicht.

Zum Beispiel haben wir beim Frühlingsfest in Westerfilde eine KI-Fotozone organisiert. Die Besucher konnten ein Foto machen, einen Hintergrund auswählen und das fertige Bild direkt über einen QR-Code auf ihr Handy herunterladen. Das war richtig cool.

Und wie viele Jugendliche konnten bereits durch deinen Verein aktiviert werden?

Mit unserem Debattierclub haben wir zwei Jahre gearbeitet und mehr als 30 Jugendliche begleitet.

Außerdem haben wir verschiedene Workshops organisiert, Vorträge in anderen Vereinen gehalten und weitere Projekte umgesetzt. Insgesamt haben wir in dieser Zeit ungefähr 80 bis 100 junge Menschen erreicht.

Für uns ist wichtiger, dass Jugendliche mutiger werden, neue Freunde finden und anfangen, an ihre Zukunft zu glauben.

Welche Projekte eignen sich besonders gut für Skill Kraft e. V.?

Nach dem Debattierclub haben wir angefangen, noch mehr praktische Projekte zu organisieren.

Zum Beispiel habe ich Besuche beim Tag der offenen Tür an der TU Dortmund organisiert. Dadurch haben wir Mitarbeitende der Fakultät für Physik kennengelernt und vier Jugendliche haben danach ein Praktikum an der Fakultät für Physik gefunden. Da haben wir verstanden, dass praktische Erfahrungen viel mehr verändern können als nur Informationen.

Danach haben wir zusammen mit der Ruhr-Universität Bochum einen Workshop für mehr als 35 Jugendliche organisiert. Das Thema war: Wie entsteht ein Start-up? Was ist der Unterschied zu einem normalen Unternehmen?

Heute möchten wir noch mehr solcher Projekte machen. Wir bringen Jugendliche mit Experten zusammen, damit sie an echten Projekten mitarbeiten und eigene Projekte entwickeln können.

Die Schwierigkeit ist, dass ich im Moment an allen Fronten sehr beschäftigt bin. Und ich weiß noch nicht genau, wie ich ein Team aufbauen kann. Aber das ist unbedingt nötig, damit sich unser Verein weiterentwickeln und noch mehr tolle Projekte machen kann.

Es gibt sehr viele Ideen auf unserer Liste, aber es fehlen Zeit und Menschen, um alles umzusetzen.

Daher mein Aufruf:

Bitte meldet euch, wenn euch junge Menschen wichtig sind. Wir arbeiten mit allen Jugendlichen, ganz egal, woher sie kommen.

Ich glaube, der Arbeitsmarkt verändert sich gerade sehr schnell. Nur gute Noten oder ein Lebenslauf reichen oft nicht mehr. Junge Menschen brauchen praktische Erfahrungen, Projekte und Kontakte.

Deshalb ist unser Projekt für mich so wichtig und ich fühle auch eine gesellschaftliche Verantwortung, es weiterzuentwickeln. Ich verdiene mit dem Verein nichts. Wir machen das nicht für Gewinn, sondern weil wir etwas Sinnvolles für andere schaffen möchten.

Gibt es für dich ein Lieblingsprojekt, das mit Skill Kraft entstanden ist? Erzähl uns gerne mehr davon. Und wie kommen die Projekte zu dir? Darf man dich einfach ansprechen?

Mein Lieblingsprojekt ist, dass wir mit Katja Hüninghaus und Katja Eilinghoff Interviews aufgenommen haben, in denen sie über die Bedeutung von Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung sprechen.

Und natürlich das Video-Interview für deine LinkedIn-Videos, Nora. Das war für uns unglaublich wertvoll. Dadurch haben wir das Talent eines jungen Mannes für Videoschnitt entdeckt und weiterentwickelt. Heute möchte er das professionell machen und wächst schon jetzt in diese Richtung.

Genau das ist unser Ziel: immer mehr junge Menschen von einer passiven Rolle in eine aktive Rolle zubringen.

Im Moment arbeite ich sehr viel daran, Menschen für unser Team zu finden, damit wir zum Beispiel besser mit Schulen auf Deutsch kommunizieren können. Wenn Deutsch deine Muttersprache ist, dir die Zukunft junger Menschen wichtig ist und du ein paar Stunden pro Woche Zeit hast, freuen wir uns sehr über eine Nachricht und deine Unterstützung. Manchmal treffen wir Behörden oder andere Organisationen. Da ist es schön, wenn jemand mit gutem Deutsch dabei ist.

Außerdem suchen wir jemanden für Instagram und TikTok. Erfahrung ist gar nicht notwendig. Wir zeigen alles und lernen zusammen.

Unsere Arbeit ist ein bisschen wie in einem Start-up. Wir entwickeln neue Ideen, testen Pilotprojekte und lernen aus jedem Projekt. Nicht alles klappt sofort. Als Gründerin mit Migrationsgeschichte ist das manchmal nicht einfach. Aber ich möchte mich nicht auf die Schwierigkeiten konzentrieren. Ich sehe viel mehr die Möglichkeiten.

Wenn jemand Lust hat, mitzumachen oder eine Idee für ein gemeinsames Projekt hat, kann er uns jederzeit schreiben.

Ich glaube, Mitarbeit bei Skill Kraft gibt etwas sehr Wertvolles: echte Erfahrungen. Diese Erfahrungen kann später kein Zeugnis ersetzen.

Liebe Anife, vielen Dank für das offene und inspirierende Interview. Ich wünsche dir und dem gesamten Team von Skill Kraft e. V. weiterhin viel Erfolg und freue mich schon darauf, die nächsten Projekte und Ideen mitzuverfolgen.

 

Hier findet ihr weitere Informationen über den Verein

Der Skill Kraft e. V. auf der Stadtteil-Website: Hier geht's zum Angebot

Der Skill Kraft e. V. auf Instagram: Hier geht's zum Kanal
Hier findet ihr auch die Video-Interviews von Katja Hünninghaus und Kati Eilinghoff

Zu den Video-Interviews mit Nora Woker auf LinkedIn: 1. Video 📹 2. Video

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